Björn Bock

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Beispiele von Iris-Bemalung

"Vor einer Weile hatte ich in einer Zeitung über eine Familie von Medikamenten (Verabreichungsform Augentropfen) gelesen, die zur Senkung des Augeninnendrucks entwickelt worden waren. Fasziniert war ich von den geschilderten Nebenwirkungen. Bei vielen Patienten hatten (abhängig von Dauer und Intensität des Medikamenteneinsatzes) Pigmentierung der Iris, Wimpernlänge und -stärke irreversibel zugenommen. Mit anderen Worten: Schon nach relativ kurzer Anwendungsdauer hatte sich die Augenfarbe nachhaltig verändert. Dabei zähl(t)en Färbung und Zeichnung der Iris immer zu den eindeutigen und offensichtlichen Identifikationsmerkmalen einer Person. Entsprechend ist eigentlich nur der Fingerabdruck, den man mit einer Handcreme manipulieren könnte. Erst entwickelte ich daraus die vage Story über eine Person, die sich mit Hilfe von fiktiven kosmetisch-pharmazeutischen Mittelchen die eigene Augenfarbe auswählt - sich sozusagen selbst mit Pinsel und Farbpallette ihre Iris malt - als Metapher für den Bruch des Individuums mit dessen vorgegebenen, unausweichlichen, denn natürlichen, aus der Vergangenheit resultierendenden Voraussetzungen und Möglichkeiten. Im beigelegten Leporello können Sie eine ähnliche Kurzgeschichte finden, dieses Thema ist ein wiederkehrendes Element in meiner Arbeit. Schliesslich habe ich handbemalte Spezialkontaktlinsen anfertigen lassen, die die performance-erprobte Künstlerkollegin Wanda Growe während der Ausstellung für mich präsentiert hat. Die Motive sind zwei unterschiedliche Versionen des modernen Malerei-Klassikers disque simultane von Robert Delaunay und als kulturhistorische Ikonen künstliche Gegenstätze zur natürlichen Zeichnung des Auges. Ausstellungsdauer war ein Wochenende, Austragungsort das japanische Businesshotel Nikko in der Düsseldorfer City. Die Eröffnung fand in einem der Konferenzsäle statt. Wanda war schlicht gekleidet und hat sich normal im Ausstellungsraum bewegt, sie hat sich mit den Ausstellungsgästen unterhalten oder auch mal vorm Eingangportal eine Zigarette geraucht. In den nächsten Tagen war sie nach Verabredung in ihrem Hotelzimmer anwesend und hat dort den Besuchern die Linsen vorgestellt."
(Björn Bock)

Aus Intuition hat er sich die Jacke in der Art der amerikanischen Collegejacken aus der Wohnung einer Bekannten genommen, ohne sie über diesen Vorgang zu unterrichten. Auf den Rücken waren mit glänzenden Garnen „Buddy – das Musical“ und Sonnenbrille gestickt, ihm stand sie ja auch so gut und sie hatte sie eh nie getragen. Zwar pflegte er schon ein gewisses Faible für Rock-, Blues- und Countrymusik aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, mit Werk oder Biographie von Buddy Holly hatte er sich bis dato jedoch nicht auseinandergesetzt. Erst der Fanartikel machte ihn zum Fan - besser gesagt: Die Jacke half ihm, für andere und für ihn selbst in die Rolle einer Person zu schlüpfen, die allen Mitmenschen seine ernstzunehmende Bewunderung für dieses Idol demonstrieren möchte. Schließlich lernte er Künstler und Werk tatsächlich lieben (seine Karriere übrigens endete auf dem Höhepunkt mit Anfang zwanzig jäh bei einem Flugzeugabsturz) und die Jacke wurde zu seinem Markenzeichen, für mindestens zwei Jahre begleitete sie mich bei jedem Wetter und auch im Schnee. So war ich für die Kommilitonen schon bald „der mit der dieser Jacke“ und im Allgemeinen gingen sie davon aus, etwas über meinen Geschmack und meine Interessen zu wissen. Die kommunikative Kleidung machte mich nahbar, sie bot guten Gesprächsstoff für ein erstes Kennenlernen – kurzum: Sie wirkte sympathisch. Nur meine besseren Freunde ahnten, dass auch etwas ganz anderes auf meinem Rücken hätte stehen können und dass ich mir die Jacke nicht ausgesucht hatte, weil sie so gut zu mir und meinem Bild von mir passte. Ich wählte sie eben um mich ihr anzupassen und mir so mit der neuen Rolle einen anderen Möglichkeitsradius zu verschaffen. Ich übernahm abenteuerlicher Weise die Geschichte und gewissermaßen das Potenzial einer individuellen Biografie, die ich zuvor nicht als die eigene wiedererkennen konnte.